Elektroauto fährt im Gaza-Streifen

Im Elektrogeschäft von Waseem Chasendar in Gaza herrscht reger Betrieb. Allerdings interessieren sich die vielen Besucher weder für Glühbirnen noch für Stromkabel. Sie drängen sich vielmehr um einen alten weißen Peugeot 205 vor der Ladentür. Denn Chasendar ist so etwas wie der Daniel Düsentrieb des Gazastreifens. Zusammen mit einem befreundeten Ingenieur, Fajes Anan, hat der 47-Jährige das erste palästinensische Elektroauto gebaut.

Das Gefährt bietet den krisengeplagten Palästinensern eine Alternative zu mit Benzin und Diesel betriebenen Wagen. Ein Jahr nach der Machtübernahme der extremistischen Hamas im Gazastreifen fehlt es nahezu an allem, besonders an Sprit. Aus Protest gegen den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen beschränkt Israel die Lieferungen. Das wenige, was importiert werden darf, wird für Kranken- und Polizeiwagen sowie den öffentlichen Nahverkehr benötigt. Geschmuggelter Sprit aus Ägypten ist für die meisten unbezahlbar. Auf den Straßen sind mehr Eselskarren und Fahrräder als Autos zu sehen.

Doch gerade die schwierige Lage hat Chasendar und Anan angetrieben. "Die Idee hatte ich schon vor vielen Jahren", sagt Chasendar. "Aber erst das Embargo hat mich auf Trab gebracht, schon um den Israelis zu zeigen, dass wir trotz Belagerung etwas zustande bringen."

Das palästinensische Modell ist nicht so schick und ausgefeilt wie das, was gerade in Israel geplant wird: Der ehemalige Star-Manager von SAP, Shai Agassi, will flächendeckend Elektroautos einführen, der Umwelt zuliebe, und um die Macht der Ölstaaten zu brechen. Unter der Motorhaube ihres alten Peugeots in Gaza haben Chasendar und Anan lediglich einen einfachen Gleichstrommotor und 32 Batterien eingebaut. Ein Jahr nach der Machtübernahme der Hamas steht der Gazastreifen still. Der Spritmangel hat zwei Palästinenser zu einer Meisterleistung angespornt: Auf Gazas Straßen kreuzt ein selbst gebauter Elektroflitzer. Zum Aufladen werden sie mit einem gewöhnlichen Kabel mit einer Steckdose verbunden.

Anan lässt den Motor an. Bis zu 100 Stundenkilometer schafft das Auto. Nicht schnell, aber stetig beschleunigt der Elektro-Peugeot. "Toll, oder?", strahlt der bärtige Anan und tätschelt das Lenkrad. Er fährt - und das ist schon viel in Gaza. Eine "Tankfüllung" aus der Steckdose reicht für 180 Kilometer - mehr als genug für einen abgeriegelten Landstrich, der nur 40 Kilometer lang und 14 Kilometer breit ist. "Das beste ist aber, dass unser Auto im Verbrauch so günstig ist", so Anan. Einmal Aufladen koste nur etwa 1 Euro - nicht mal ein Zehntel dessen, was Benzin oder Diesel für 180 Kilometer kosten.

Anan und Chasendar wollen zunächst eine Lizenz beantragen, bevor sie weitere Autos umbauen. Doch das ist nicht das einzige Hindernis für Autofahrer, die auf Strom umsteigen wollen. "Ich würde meinen Benz sofort umrüsten, aber ich habe das Geld nicht", sagt Taxifahrer Mohammed Mustafa. Rund 2500 $ müsste er für den Umbau aufbringen. Am Taxistand Shifa in Gaza sitzen Dutzende Fahrer auf dem Bürgersteig und trinken Tee. Was sie an Diesel zugeteilt bekommen, reicht meist nur für einen Tag. Geschmuggelter Sprit ist zu teuer. Wer verzweifelt ist, weil er Geld braucht, tankt Bratöl, sowohl neues als auch gebrauchtes. Ein Geruch von Falafel liegt in der Luft. "Damit ruiniert man sich das Auto", sagt Mohammed Mustafa und winkt ab. "So schlimm wie jetzt war es noch nie." Und das wird auch so bleiben, fürchtet er. "Die Hamas hat Geschmack an der Macht gefunden. Sie kleben an ihren Sesseln.


(quelle: ftd.de)